MIMESIS

mimesis::imitatio
‚Nicht die Stimmen der Tiere, sondern ihre Gedärme sind uns wichtig, und das Tier, dem die Musik
am Meisten verdankt, ist nicht die Nachtigall, sondern das Schaf.‘ (Eduard Hanslick)
‚Angesichts so vieler entgegengesetzter Schulen, überlebter Stile und sich widersprechender Schreibweisen gibt es keine humane Musik, die dem Verzweifelten Vertrauen einflößen könnte. Da greifen die Stimmen der unendlichen Natur ein.‘ (Olivier Messiaen)
Mit dem Konzert mimesis::imitatio untersucht Lotte Greschik gemeinsam mit den Ensembles
Adapter und Lux:NM sowie in Zusammenarbeit mit FemaleSingersUnited die Begriffe der Mimesis
und Imitatio im Kontext der transtraditionellen zeitgenössischen Musik.
Die Auftragswerke dreier Komponisten, die sich in ihrer Arbeit zum Teil seit Langem mit der Verknüpfung verschiedener Musiktraditionen in der zeitgenössischen Musik widmen, stehen im Mittelpunkt des Abends: Sandeep Bhagwati, Amen Feizabadi und der Ernst-von-Siemens Preisträger Öcal Mithatcan.
Ausgehend von der Dichotomie im Mimesisbegriff bei Aristoteles und Platon (s.u.) widmen sich die
Komponisten – jeweils vor ihrem eigenen kulturellen Hintergrund – unterschiedlichen Fragestellungen
im Kontext von Neukompositionen, aber auch bezüglich bestehender zeitgenössischer Literatur.
Inwiefern taucht das Phänomen der Imitatio in zeitgenössischer Musikliteratur auf?
Könnte Mimesis zum Ausgangspunkt für eine transtraditionell gemeinsame Klangsprache werden?
Das Konzert knüpft an die im diesjährigen Projekt ORNAMENT begonnenen Recherche und Suche
nach einer transtraditionellen Musik- und Klangsprache im Kontext zeitgenössischer Kompositionen
an, die sich im Raum zwischen den Traditionen anzusiedeln versucht.
Während es in ORNAMENT um die gemeinsamen Wurzeln der persischen und abendländischen
Musiktradition geht, wird mimesis::imitatio den Fokus auf die kritische Auseinandersetzung mit der Historie der Tradition der Nachahmung und deren Präsenz in der transtraditionellen zeitgenössischen Musik legen.
Während Aristoteles gerade das Initiieren von Mitgefühl und die Aufhebung der gedanklichen Distanz zur Idee durch Mimesis als Möglichkeit der Katharsis definiert, schätzt Platon zunächst den Vorgang der Mimesis selbst als kritisch ein. Sie sei ein an der sinnlichen Erscheinung, nicht der Idee selbst orientiertes Abbild, und die sinnliche Erscheinung selbst sei bereits ein Abbild der Wirklichkeit.
Dadurch sei nicht nur der Erkenntniswert von Kunst fraglich, sondern auch die Gefahr einer verzerrten Wirklichkeitsbildung durch die realit.tsflüchtige Anziehungskraft einer Scheinwelt gegeben. Das Mimetische entwickelt ein Eigenleben und jegliche gedankliche Distanz geht verloren.
Wie wirkt Platons kritische Betrachtung von Mimesis im transtraditionellen und transkulturellen Kontext?
Der Aspekt von verzerrter Wirklichkeitsbildung in der Musik ist eine Fragestellung, der die Kompositionen von Amen Feizabadi, Sandeep Bhagwati und Mithatcan Öcal nachgehen. Alle drei arbeiten mit dem jeweiligen musiktraditionellen Erbe im Rahmen zeitgenössischer Musik und erforschen sowohl den Umgang mit außermusikalischer Mimesis als auch den innermusikalischen mimetischen Strukturen.
Wie verhält sich das Phänomen der Imitatio im Kontext transtraditioneller zeitgenössischer Musik?
Welche Räume öffnen sich für und durch das Mimetische in der innermusikalischen und kompositorischen Struktur sowie durch außermusikalische Einflüsse?
Dabei nimmt auch die unterschiedliche Studier- und Musizierpraxis Einfluß auf die Komposition. In
der klassischen iranischen Musik beispielsweise wird alles Wissen über die Nachahmung erlernt.
Musiktheoretische Werke werden mündlich tradiert, der Lehrer bestimmt die Stilisitk der Kunst,
welche vom Schüler dann weiter entwickelt wird. Außerdem bestehen die Komprovisationen
maßgeblich aus Imitationen der anderen beteiligten Instrumente, bzw. der Stimme.
Zusätzlich entsteht in der Rezeption aus abendländischer Perspektive in verschiedener Hinsicht eine
problematische Situation: Wir können nur aus unserer Musiktradition heraus den Versuch unternehmen,
das andere Musikdenken kennenzulernen, nachzuvollziehen und zunächst nachzuahmen. Dabei
sind wir maximal herausgefordert, unsere Denkstrukturen zu verlassen und zunächst ebenfalls durch Nachahmung neu zu ordnen.
Hier stellt sich eine weitere, nicht außer Acht zu lassende Frage: Welche ästhetischen und, politisch betrachtet, postkolonialen Problemstellungen tun sich auf?
In der Imitation anderer Kulturen aus der jeweils eigenen Perspektive heraus laufen wir permanent
Gefahr, der von Platon kritisierten Wirklichkeitsverzerrung und dem Schwelgen im Bild vom Bild zu
erliegen. Dadurch entsteht das unter anderem im 19.Jh. und bis heute in der Kunst- und Musikwelt
wirkende Bild vom Zauber des Orients. Dieses postkoloniale Gefälle in der Wahrnehmung und dem
Verständnis der Musiktraditionen führt oftmals zu einer Bewertung und Hierarchisierung und lässt
das Nachahmen leicht zum orientalistischen, exotistischen Klangbad werden oder überh.ht
umgekehrt die abendländische Musikkultur.
Welche Rolle oder Funktion spielt Mimesis in unserem Vorhaben?
Neben der musiktheoretischen Recherche ist es die Mimesis selbst, die gleich einer Keimzelle zum
Mittelpunkt des Prozesses einer Suche nach einer gemeinsamen Klangsprache und einer aus verschiedenen
Musiktraditionen entwickelten musikalisch-kompositorischen Struktur wird. Musikästhethisch
regt die Auseinandersetzung z.B. mit der persischen oder türkischen klassischen Musik im
Kontext zeitgenössischer Musik ein Rekurs auf den musikgeschichtlichen aristotelischen Mimesisbegriff
des Barock und der Renaissance an, als Mimesis unmittelbar sinnbildend war.
Ähnlich wie bei Debussy ist sie Inspiration für und Ausgangspunkt einer neuartigen musikalischen
Struktur, sie findet nicht innerhalb einer, sondern zwischen den Musiktraditionen sozusagen
antitraditionell statt und sucht nach eigengesetzlichen, dazwischen liegenden Prinzipien.
Auch im weiteren Verlauf des 20.Jh. wird das mimetische Vorgehen immer wieder kompositorisch
relevant. Ob dies durch die äußere Wirklichkeit angeregte innenästhetische Prozesse wie z.B. in
Kurt Schwitters Ursonate oder im Werk Charles Ives sind oder die strukturelle Nachahmung wie bei
Cage, in der minimal music oder in Olivier Messiaens Entwicklung der sieben Modi, immer ist die
Mimesis die Keimzelle oder Inspirationsquelle neuartiger Strukturen oder Klangwelten.
Alle drei Auftragskompositionen widmen sich den oben erläuterten Aspekten aus verschiedenen
Perspektiven.
Die Nachahmung ist zugleich Inspirationsquelle, Mittel der traditionellen Annäherung und des
Austauschs sowie die Keimzelle der neu zu findenden musikalischen Struktur und Klangsprache.
In den zeitgenössischen Werken sind dabei beide Traditionen zugleich hörbar, ebenso wie das aus
ihnen musikalisch neu Generierte.

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